Die Grenzen der Wahrnehmung

Birgit Maaß schließt in ihrer Kunst jenen eindeutigen Körper aus, dessen Grenzen von innen und außen klar definiert sind. Stattdessen fragt sie nach der Qualität seiner Begrenzung in Form von Haut, Haar, Kleidung und Raum. Diese „Häute“ lotet sie in ihrer Ambivalenz aus, indem sie diese von Anfang an als Passagen begreift, die zwischen Öffnung und Abgrenzung, zwischen Verlockung und Befremdung oszillieren. In dieses Spannungsfeld sind ihre Artefakte eingeschrieben.

Die Werke der Serie Absence (2012) und Aufbruch (2012) veranschaulichen das Paradox von visueller Verführung und ästhetischem Schrecken zugleich. Die Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie zarte grafische Zeichnungen, die entrückt unter einem ephemeren Schleier liegen. Bei näherer Betrachtung sieht man jedoch, dass die feinen Linien lange schwarze Haare sind, die sich unter einer hellen Paraffinschicht befinden. Zudem ist diese Schicht in der Serie Aufbruch (2012) inhomogen über den Bildträger verteilt, so dass der Blick partiell noch unvermittelter auf die Haare freigegeben wird.
Dieses Wissen der Verwendung von Echthaar erzeugt sofort ein Gefühl des Unbehagens, da Haare in unserer Gesellschaft, sind sie nicht von uns selbst oder von einem uns nahe stehenden Menschen, sofort als das intime Überbleibsel eines abwesenden Menschen betrachtet werden. Der Titel Absence (2012) verweist auf diese Leerstelle.
Auch in den beiden Installationen Dialog (2012) und Kontakt (2013) bestimmt das Forschen nach den Grenzen der Wahrnehmung von Verlockung und Aufbegehren sowohl den Inhalt als auch die künstlerische Ausrichtung.
Das Werk Dialog besteht aus zwei sich gegenüberstehenden Stühlen, die die Künstlerin mit Ölfarbe bemalt hat, so dass sich rasch die Assoziation zu menschlicher Haut einstellt. In die mit Silikonfolien bezogenen Sitzflächen der beiden Stühle, hat Birgit Maaß aus schwarzem Echthaar einmal einen Streifen und das andere Mal einen Punkt geknüpft. Der jeweils kurze Haarflor der beiden  Formen ruft den Gedanken an Schamhaar wach. Die Stühle werden infolgedessen als nackte menschliche Körper wahrgenommen. Aber mag man sich darauf setzen? Und welchen Stuhl wählt man aus?
Genau hier beginnt Aversion als Folge von plötzlich empfundener Distanzlosigkeit. Dabei locken und verführen die Stühle zunächst mit ihren fein changierenden, pudrigen Rosatönen. Erst mit der Entdeckung der dunklen Haarvliese auf den Sitzflächen findet die gedankliche Verknüpfung von Nacktheit, Schamhaar und Sexualität statt.
Auch mit der Installation Kontakt fragt Birgit Maaß nach dem transitorischen Moment des Umschwungs von visueller Verführung zu affektiver Irritation.
Eine Vielzahl langer, transparenter Plastikschläuche hängt von der Decke einer Art Kabine, die aus Chromstangen aufgebaut ist. In diese Schläuche, die jeweils eine Länge von zwei Metern aufweisen, hat die Künstlerin schwarzes Haar eingezogen. Die Haare brechen jedoch immer wieder aus ihrer Plastikummantelung aus, scheinen sich quasi zu verselbständigen.
Die feinen Schläuche und zarten schwarzen Fasern verlocken dazu, in körperliche Resonanz mit der Installation zu treten. Sobald jedoch klar ist, dass es sich um menschliches Haar handelt und man fremde Haare auf der eigenen Haut spürt, geschieht der Bruch: man erschrickt und reagiert aversiv.
Die Ambivalenz der Empfindungen, die jedes einzelne Werk im Betrachter auszulösen vermag, ist auf den differenzierten und feinsinnigen Umgang der Künstlerin mit ungewöhnlichen Materialien zurückzuführen.

In den Werken Körperkultur (2013) und uniform (2014) hinterfragt Birgit Maaß den Körper als Entität, indem sie ihn als Abwesenden zeigt. Stattdessen präsentiert sie Hüllen, die sie entweder in normierter Form hintereinander hängt, wie in der fünfteiligen Installation uniform, oder sie nivelliert die Idee einer eindeutigen Körpergrenze, indem sie spielerisch prekäre Formen generiert, wie in der Serie Körperkultur.

Die Arbeit uniform (2014) zeigt fünf Torsi aus Papierhüllen, die dicht hintereinander an transparenten Nylonfäden im Raum hängen. Sie sind partiell mit Körperschminke bemalt, was deren Plastizität betont. Stabile Verbandklammern halten die Körperhälften zusammen. Sie geben den fragilen Papiertorsi  die Form und machen aus ihnen gleichsam Korsetts. Die alleinige Präsenz der Hüllen stellt die Frage nach dem Körper und seiner Behauptung zwischen Freiheit und Begrenzung.

Auch in der dreiteiligen Serie Körperkultur (2013) greift Birgit Maaß die Frage nach den Grenzen des Körpers auf, indem sie sie innerhalb dieser Serie beständig variiert. Hierzu zieht sie Nylongewebe über die eckigen Bildträger, die sie zuvor mit einem ölfarbenen Hautton grundiert hat. Mittels der flexiblen Nylontextur ruft die Künstlerin die Form dreier Bekleidungsstücke auf, die direkt auf der Haut getragen werden: die eines Stringtangas, Strumpfgürtels und eines Tank Tops. Sobald man diese Formen erkennt, imaginiert man automatisch den dazu passenden Körper. Zeitgleich stellt sich die Wahrnehmung von Haptik und Erotik ein.

Die Grenzen in Birgit Maaß´ Werken sind buchstäblich fließend zwischen einem „Schon-Körper“ und einem „Noch-Körper“. Das Erkennen der prekären Grenzen des Körpers und seiner Hüllen und das Vermögen diese künstlerisch überzeugend umsetzen zu können, ist auf das feine Bewusstsein der Künstlerin für taktile Wahrnehmung und visuelle Berührbarkeit zurückzuführen.

Andrea-Katharina Schraepler,
Kunsthistorikerin M.A.